Stephan Matthiesen

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Wissenschaft und Trolle: „desto angreifender, je verworrener die Begriffe“

Kennt das jemand? Als enthusiastischer Wissenschaftler mag man sich gerne mit interessierten Nichtwissenschaftlern über seine Arbeit austauschen und Interessierte auch mal selbst experimentieren lassen. Wenn da bloß nicht immer diese Trolle auftauchen würden, die einem mit Halbwissen die Zeit stehlen und immer beleidigender werden, wenn man ihren wirren Weltbildern nicht zustimmen möchte. Glücklicherweise trifft man aber auch viele Menschen, die sich ernsthaft für Wissenschaft begeistern, obwohl sie nie Gelegenheit zum Studium hatten. Beim folgenden Zitat musste ich daher gleich herzhaft auflachen und fühlte eine große Verbundenheit mit dem jungen Kollegen - auch wenn zwei Jahrhunderte zwischen uns liegen!

Alexandre humboldt
Alexander von Humboldt 1806, Gemälde von Friedrich Georg Weitsch (Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei)

Der junge Forscher ist der 30-jährige Alexander von Humboldt, der 1799 bis 1804 zusammen mit Aimé Bonpland Amerika bereiste (obwohl sie eigentlich nach Ägypten aufgebrochen waren) - ihre Entdeckung der Verbindung zwischen dem Orinoco und dem Amazonas durch den Rio Casiquiare ist dabei nur das berühmteste Highlight seiner Forschungen. Ihre erste Station in Südamerika war Cumaná (im heutigen Venezuela), wo ihre Arbeit auf reges Interesse stieß:

Die erſten Wochen unſeres Aufenthaltes in Cumana verwendeten wir dazu, unſere Inſtrumente zu berichtigen, in der Umgegend zu botaniſieren und die Spuren des Erdbebens vom 14. Dezember 1797 zu beobachten. Die Mannigfaltigkeit der Gegenſtände, die uns zumal in Anſpruch nahmen, ließ uns nur ſchwer den Weg zu geordneten Studien und Beobachtungen finden. Wenn unſere ganze Umgebung den lebhafteſten Reiz für uns hatte, ſo machten dagegen unſere Inſtrumente die Neugier der Einwohnerſchaft rege. Wir wurden ſehr oft durch Beſuche von der Arbeit abgezogen, und wollte man nicht Leute vor den Kopf ſtoßen, die ſo ſeelenvergnügt durch einen Dollond die Sonnenflecken betrachteten, oder zwei Gaſe in der Röhre des Eudiometers ſich verzehren, oder auf galvaniſche Berührung einen Froſch ſich bewegen ſahen, ſo mußte man ſich wohl herbeilaſſen, auf oft verworrene Fragen Auskunft zu geben und ſtundenlang dieſelben Verſuche zu wiederholen.

So ging es uns fünf ganze Jahre, ſo oft wir uns an einem Orte aufhielten, wo man in Erfahrung gebracht hatte, daß wir Mikroſkope, Fernröhren oder elektromotoriſche Apparate beſitzen. Dergleichen Auftritte wurden meiſt deſto angreifender, je verworrener die Begriffe waren, welche die Beſucher von Aſtronomie und Phyſik hatten, welche Wiſſenſchaften in den ſpaniſchen Kolonieen den ſonderbaren Titel: „neue Philoſophie“, nueva filosofia, führen. Die Halbgelehrten ſahen mit einer gewiſſen Geringſchätzung auf uns herab, wenn ſie hörten, daß ſich unter unſeren Büchern weder das Spectacle de la nature vom Abbê Pluche, noch der Cours de physique von Sigaud la Fond, noch das Wörterbuch von Valmont de Bomare befanden. Dieſe drei Werke und der Traité d’économie politique von Baron Bielfeld ſind die bekannteſten und geachtetſten fremden Bücher im ſpaniſchen Amerika von Caracas und Chile bis Guatemala und Nordmexiko. Man gilt nur dann für gelehrt, wenn man die Ueberſetzungen derſelben recht oft citieren kann, und nur in den großen Hauptſtädten, in Lima, Santa Fé de Bogota und Mexiko, fangen die Namen Haller, Cavendiſh und Lavoiſier an jene zu verdrängen, deren Ruf ſeit einem halben Jahrhundert populär geworden iſt.

Die Neugierde, mit der die Menſchen ſich mit den Himmelserſcheinungen und verſchiedenen naturwiſſenſchaftlichen Gegenſtänden abgeben, äußert ſich ganz anders bei altciviliſierten Völkern als da, wo die Geiſtesentwickelung noch geringe Fortſchritte gemacht hat. In beiden Fällen finden ſich in den höchſten Ständen viele Perſonen, die den Wiſſenſchaften ferne ſtehen; aber in den Kolonieen und bei jungen Völkern iſt die Wißbegier keineswegs müßig und vorübergehend, ſondern entſpringt aus dem lebendigen Triebe, ſich zu belehren; ſie äußert ſich ſo arglos und naiv, wie ſie in Europa nur in früher Jugend auftritt.

Diese Schilderung dürfte wohl eine der frühesten Beschreibungen jener mühsamen Persönlichkeiten sein, die man heute im Internet als Trolle bezeichnet. Ist es nicht ungemein beruhigend, dass auch der große Alexander von Humboldt sich bereits mit ihnen abfinden musste? Und dass sich Trolle, obwohl sie sich Jahrhunderte lang bemüht haben, letztlich doch nicht gegen die wirkliche Wissenschaft behaupten konnten?

  • von Humboldt, Alexander (1859): Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Cotta, Stuttgart. Kapitel 5, S. 200-201. (Volltext im Deutschen Textarchiv)
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