Stephan Matthiesen

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Steinzeitkunst: Schamanische Visionen aus der Vergangenheit?

Wie wichtig waren Trancezustände im Leben und der Religion unserer schriftlosen Vorfahren? Eine archäologisch schwer greifbare Frage, können wir doch das Steinzeitleben nur aus wenigen materiellen Hinterlassenschaften rekonstruieren. Immaterielle Aspekte wie schamanische Praktiken scheinen sich dagegen unserer Untersuchung zu entziehen.

Zwar zeigen ethnografische Forschungen bei Kulturen der Gegenwart, dass religiöse Trancezustände weit verbreitet sind; das dürfte in der Vergangenheit nicht anders gewesen sein. Ein Beweis ist dies freilich nicht.

Phosphen
Abb. 1: Ein Phosphen, das auch bei Migräne oft gesehen wird: ein sich ausbreitendes Linienmuster um einen blinden Fleck.

Oder haben uns Schamanen eine direktere Botschaft hinterlassen? Mitte der 80er-Jahre schlugen die südafrikanischen Archäologen David Lewis-Williams und Thomas Dowson vor, dass die Felskunst der europäischen Altsteinzeit auf schamanische Visionen zurückgeht (Lewis-Williams und Dowson 1988). Menschen in Trance oder unter Drogeneinfluss erfahren subjektive visuelle Phänomene, die sich grob in zwei Gruppen teilen lassen: Einerseits bildliche Halluzinationen, andererseits abstrakte geometrische Formen, etwa Zickzack-Muster oder filigrane Schlangenlinien, so genannte Phosphene oder entoptische Phänomene. Sie sind eine Folge der Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn: Bei der normalen Wahrnehmung wird das vom Auge kommende Signal im Gehirn in verschiedene Verarbeitungswege geteilt — eine Gehirnregion verarbeitet die Farbe, eine andere die vertikalen Linien usw.

Unsere Gesamtwahrnehmung entsteht im Zusammenspiel dieser Einzelelemente und der Verknüpfung mit visuellen Erinnerungen. Durch Drogen oder Trance wird dieses Zusammenspiel verändert, es kommt zu subjektiven visuellen Phänomenen: Halluzinationen, die auf Elementen des visuellen Gedächtnisses beruhen, und geometrische Phosphene, deren Form durch die grundlegende Bildverarbeitung im Gehirn festgelegt ist. So ruft etwa die Anregung von Nervenzellen in der primären Sehrinde ein Muster von parallelen Linien um einen blinden Fleck hervor (Abb. 1). Da der Aufbau des Gehirns bei allen Menschen gleich ist, ist auch die Form der erlebten Phosphene universell: Es sind stets dieselben Muster, die von Menschen in veränderten Bewusstseinszuständen unabhängig von Herkunft oder Kultur erlebt werden — im Gegensatz zu bildlichen Halluzinationen, die kulturabhängig sind. Sie müssten gute Indikatoren für Trancezustände bei vergangenen Völkern sein, über deren Kultur man sonst wenig weiß.

Geometrische Muster in der Steinzeitkunst
Abb. 2: Bestimmte geometrische Muster in der Kunst könnten von Phosphen-Erfahrungen angeregt sein – doch die dafür diagnostischen Formen (links) muss man von undiagnostischen Formen (rechts) unterscheiden (nach Dronfield 1996).

Und gerade diese Formen finden sich auch in steinzeitlicher Felskunst. Sind es Hinweise auf schamanische Visionen? Um dies zu testen, analysierten Lewis-Williams und Dowson die Kunst zweier heutiger schamanischer Kulturen, der kalifornischen Schoschonen und der in der Kalahari-Wüste lebenden San. Und tatsächlich finden sich dort typische Formen entoptischer Phänomene wieder. Schamanen, die diese Formen in ihren Visionen als zentrale Erfahrungen erleben, versuchten, sie anderen mitzuteilen: „Heutzutage lauschen die San voller Aufmerksamkeit den Erzählungen der Schamanen über ihre Trance-Erfahrungen, und in der Vergangenheit könnte das bildliche Darstellen eine parallele Aktivität gewesen sein“ (Lewis-Williams und Dowson 1988, 205). Die vom Schamanen subjektiv erlebten Phosphene konnten Eingang in die Kunst finden.

Kritik blieb nicht aus: Sind die von Lewis-Williams und Dowson identifizierten Formen in der Kunst wirklich nur durch Visionen erklärbar, oder handelt es sich vielleicht vielmehr um einfache, naheliegende geometrische Muster, die in jeder Kunst zu finden sind? Zu zeigen ist nicht nur ihr Vorkommen in der Kunst schamanischer Völker, sondern auch ihr Fehlen in nicht-schamanischen Kulturen, wie Dronfield (1996) betont. Nach einer detaillierten Diskussion anhand mehrer anderer Kulturen kann Dronfield die Idee im Grundsatz bestätigen: Tatsächlich gibt es charakteristische Elemente, die durch subjektiv visuelle Phänomene motivierte Kunst auszeichnen. Doch stellten sich einige der von Lewis-Williams und Dowson genannten Formen als nicht charakteristisch heraus, man muss differenzierter vorgehen: Doppelspiralen sind z. B. gute Indikatoren, dagegen kommen einfache Spiralen auch in anderer Kunst vor (Abb. 2).

Doch die Debatte ist nicht beendet. Derek Hodgson (2000) schlägt eine alternative Sicht vor. Zunächst: Auch wenn diese Kunstformen durch Phosphene motiviert sind, ist dies noch lange kein Beleg für Schamanismus oder den Gebrauch halluzinogener Drogen. Vielmehr könnten auch „Isolation, extreme Langeweile, nächtliche Halluzinationen, Schläfrigkeit, Schlafentzug etc.“ oder speziell „bei europäischen Höhlenbewohnern langdauernder Lichtentzug während strenger Winter oder Nahrungsmangel (...) ähnliche subjektive Erscheinungen produzieren“.

Hodgson geht jedoch noch weiter und hinterfragt, ob diese Kunstformen überhaupt auf Visionen zurückgehen. Dabei bezweifelt er nicht, dass diese Formen bestimmte Strukturen unseres Wahrnehmungsapparates wiedergeben. Tatsächlich stimuliere das Betrachten von Formen, die entoptischen Phänomenen ähneln, gerade die entsprechenden Regionen im Gehirn. Deshalb würde das Zeichnen dieser Formen angenehme Gefühle hervorrufen, im Extremfall bis zur Euphorie. So neigen bereits Kinder dazu, sie spontan zu zeichnen. Dies diene außerdem dazu, bestimmte Teile des Wahrnehmungssystems gezielt zu trainieren und zu schärfen. Sollte Hodgson damit recht haben, wäre das Zeichnen entoptischer Formen analog zur Funktion des Kinderspiels zu sehen, mit dem Kinder die grundlegenden Bewegungsmuster im motorischen System trainieren und verfeinern. Nach dem Modell von Hodgson ist zwar das Vorkommen von „entoptischer Formen“ in der Kunst auf die Struktur unseres Wahrnehmungssystems zurückzuführen, aber mit Trancevisionen haben sie nichts zu tun.

Literatur

Dronfield, Jeremy (1996):
The vision thing: Diagnosis of endogenous derivation in abstract arts. Curr. Anthropol., 37 (2), 373–391.
Hodgson, D. (2000):
Shamanism, phosphenes, and early art: An alternative synthesis. Curr. Anthropol., 41 (5), 866–873.
Lewis-Williams, J. D.; Dowson, T. A. (1988):
The signs of all times — entoptic phenomena in upper paleolithic art. Curr. Anthropol., 29 (2), 201–245

Eine Version dieses Textes wurde auch in Skeptiker 4/2002, dem Vereinsblatt der GWUP, abgedruckt.

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