Stephan Matthiesen

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Erlitt Jesus einen Pleuraerguss?

Die Auferstehung Christi ließe sich medizinisch erklären, wenn Jesus bei der Geißelung einen Pleuraerguss erlitt, der ihn am Kreuz bewusstlos werden ließ. Der Lanzenstoß entsprach dann einer Pleurapunktion, die auch heute noch eine der wichtigste Notfallmaßnahmen bei Pleuraergüssen ist, sodass Jesus überlebte und einige Tage später aus der Bewusstlosigkeit erwachte. Dies meinen die Mediziner Maximilian Ledochowski und Dietmar Fuchs aufgrund der Details in der biblischen Beschreibung des Leidenswegs.

Eine fast unausweichliche Folge von Rippenbrüchen ist eine Verletzung des Rippenfells, der Haut, die das Innere der Rippen überzieht. Es kommt dann zu einer Entzündung, bei der sich Wundwasser und (bei Verletzung von Adern) auch Blut im Pleuraspalt - dem Spalt zwischen dem Rippenfell und Lungenfell - ansammelt. Dieser so genannte Pleuraerguss drückt den betroffenen Lungenflügel zusammen, was zu Sauerstoffmangel führt. Nach Ansicht von Ledochowski und Fuchs zeigt die biblische Beschreibung der Kreuzigung und der Auferstehung deutlich die Symptomatik verschiedener Phasen eines Pleuraergusses.

Nach seiner Verhaftung wurde Jesus zunächst von Soldaten gefoltert ("gegeißelt"), und er dürfte dabei unter anderem Rippenbrüche erlitten haben, die zu einem Pleuraerguss führten. Die Lunge wird durch den Erguss zunehmend stärker zusammengedrückt, und die Folge sind Atemnot und ein Abfall der körperlichen Leistungsfähigkeit. Tatsächlich berichten drei Evangelien, dass die Soldaten "einen Mann, der gerade vom Feld kam, ... zwangen, sein Kreuz zu tragen" (Mk 15, 21; Matth 27, 21; Luk 23, 26), vielleicht weil Jesus selbst zu dazu schwach war, während die anderen weniger prominenten Gefangenen, die wohl nicht oder weniger stark gefoltert worden waren, ihre Kreuze bis zum Berg Golgota selbst schleppen mussten. Die Bildung von Wundflüssigkeit und die inneren Blutungen führen zudem zu einem Flüssigkeitsverlust, und tatsächlich klagte Jesus am Kreuz über Durst, den Umstehende dann mit Essig stillten.

Der Tod am Kreuz ist ein langsamer, qualvoller Tod. Das Hängen an den Armen beeinträchtigt die Atmung, sodass Gekreuzigte bis zur Erschöpfung versuchen, sich mit den Beinen abzustützen. Da diese Kreuzigung am Tag vor dem Pessachfest stattfand, entschieden die Soldaten, den Tod zu beschleunigen, indem sie den Gefangenen die Beine brachen. Bei Jesus jedoch ersparten sie sich diese Mühe, da sie "sahen, dass er schon tot war" (Joh 19, 33) - wobei Ledochowski und Fuchs davon ausgehen, dass die Soldaten wohl weder das Interesse noch die Qualifikation für eine sorgfältige Diagnose und Feststellung des Todes hatten, und dass Jesus vielmehr durch Sauerstoffmangel infolge des Pleuraergusses bewusstlos geworden war.

Ein zentraler Hinweis auf einen Pleuraerguss ist für Ledochowski und Fuchs die nächste Beobachtung: "(...) einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus" (Joh 19, 34). "Für ihn und alle Anwesenden war damit offenkundig, dass Jesus tot sein musste. Für einen Mediziner aus unserer Zeit ist damit aber lediglich klar, dass Jesus Christus einen hämorrhagischen Pleuraerguss gehabt haben muss", so die Autoren. Denn bei gesunden Menschen ist die Körperflüssigkeit in Adern und Zellzwischenräumen verteilt; größere Mengen frei fließende Flüssigkeit bedeuten, dass es vorher zur Ansammlung von Wundflüssigkeit in einer Körperhöhle gekommen sein muss.

Der Lanzenstich könnte Jesus sogar das Leben gerettet haben. Denn auch heute noch ist die wichtigste Notfallmaßnahme bei einem Pleuraerguss die Entlastungspunktion: Mit einer Kanüle durchsticht man das Rippenfell, sodass die Wundflüssigkeit abfließen kann und sich die Lunge wieder ausdehnt. Nach diesem Eingriff könnte Jesus nun bei flacher Atmung und Bewusstlosigkeit noch lange am Kreuz überlebt haben, viel länger als die anderen Gefangenen, denen die Beine gebrochen worden waren. Wegen des Pessachfestes wurden die Gekreuzigten ungewöhnlich früh vom Kreuz genommen - vielleicht, bevor Jesus tatsächlich tot war.

Der scheinbar tote Jesus wurde dann mit "einer Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund", behandelt und mit Leinenbinden umwickelt. Mit dieser antiseptischen und blutstillenden Wundbehandlung und viel Ruhe in der kühlen Umgebung des Grabes, spekulieren Ledochowski und Fuchs weiter, könnte sich Jesus erholt haben und nach einigen Tagen aus der Bewusstlosigkeit erwacht sein.

Die Autoren diskutieren allerdings nicht, ob das Evangelium des Johannes tatsächlich als hinreichend genauer Bericht gelten kann; es dürfte erst Ende des ersten Jahrhunderts schriftlich aufgezeichnet worden sein, also ein bis zwei Generationen nach dem Geschehen. Zudem deutet das Evangelium die wesentlichen Beobachtungen als Erfüllung früherer Prophezeiungen: "Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben." (Joh 19, 36-37). Die anderen Evangelien erwähnen dagegen das Brechen der Beine und den Dolchstoß überhaupt nicht. Andererseits berichten Markus, Lukas und Matthäus, dass Jesus das Kreuz nicht selbst tragen musste (ohne dies weiter zu begründen), Johannes dagegen erklärt: "Er trug sein Kreuz" (Joh 19, 17). Welche der von Ledochowski und Fuchs medizinisch interpretierten Details daher auf tatsächlichen Beobachtungen beruhen und welche aufgrund ihrer theologischen Bedeutung nachträglich in die Geschichte hineininterpretiert wurden, dürfte wohl nicht mehr eindeutig zu klären sein.

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