Stephan Matthiesen

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Von Mumien und Wissenschaftlern

„Sowohl in Ägypten als auch in Peru gibt es Mumien. Gab es vielleicht lange vor Kolumbus eine gemeinsame Kultur zwischen den Kontinenten?“ Fragen wie diese höre ich nicht selten, wenn ich etwa auf Wissenschaftsfestivals die Rolle des „Wissenschaftlers zum Anfassen“ übernehme. Eine Frage, auf die viele Archäologen verschnupft reagieren, hat doch der Fragesteller meist ziemlich unorthodoxe Ideen im Kopf.

Dennoch eine reizvolle Frage, die meist keineswegs auf einem festgefügten pseudoarchäologischen Weltbild beruht, sondern auf dem ernsthaften Interesse an der Vergangenheit und dem Bemühen, sich aus Sachbüchern und Fernsehsendungen ein Bild zu machen — wobei neben vielen fundierten Fakten auch einiges Unkonventionelle mit an Bord genommen wird. Es entwickelt sich daher oft ein interessantes Gespräch um die Frage, wie ein Nichtwissenschaftler die Qualität dieser Quellen beurteilen kann. Gibt es einfache Kriterien?

Vielleicht die Ausbildung des Sachautors: Ist er vom Fach, oder schreibt er über ein fremdes Thema? Klingt einfach und praktisch — doch ist tatsächlich kaum zielsicher. Denn wer ist eigentlich der richtige Experte etwa für das Mumien-Problem: ein Archäologe, ein Mediziner, ein Chemiker? Oder vielleicht jemand, der eine völlig andere Ausbildung hat, aber sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt? Ob ein Autor tatsächlich Kompetenz auf einem Gebiet hat, lässt sich meist erst mit viel Einblick in das Fachgebiet beurteilen.

Vielleicht hilft der Blick auf die Quellenangaben: Sind alle Behauptungen sorgfältig belegt? Nur verzichten auch viele gut fundierte Sachbücher auf detaillierte Literaturangaben — der Lesbarkeit wegen. Andererseits mögen viele Quellenangaben im Text Gelehrsamkeit nur vortäuschen. Möglicherweise zitiert der Autor nur eine kleine Gruppe von Außenseitern. Selbst wenn die Koryphäen eines Fachgebietes zitiert werden: Einige Autoren haben eine geradezu pathologische Neigung, Aussagen anderer zu missverstehen und in ihrem eigenen Sinne umzuinterpretieren. Auch aus den Quellenangabe lässt sich erst mit viel Hintergrundwissen auf die Qualität des Textes schließen. Ohne einfache Kriterien bleibt dem Leser nur übrig, den Inhalt des Buches oder der Fernsehsendung selbst zu bewerten. Nun kann niemand Experte für alle Themen sein. Dennoch lohnt es sich, beim Lesen eines Sachtextes immer wieder innezuhalten, kritische Fragen zu stellen und einige Informationen anhand anderer Quellen zu überprüfen. Das Vergleichen verschiedener Quellen gibt ein Gefühl für die Zuverlässigkeit eines Sachautors — wichtiger noch, der Blick aus verschiedenen Perspektiven schafft ein tieferes Verständnis des Sachverhaltes. Allerdings: Das aktive Lesen, das Mitnotieren, das Vergleichen ist mühevoll. Zumal gerade lohnende Texte oft sperrig zu lesen sind.

An dieser Stelle wird oft der Vorwurf geäußert, dass sich Wissenschaftler nicht verständlich genug ausdrücken: zu kompliziert, zu viele Fachbegriffe, zu viele Details. Könnten Forscher nur spannend schreiben, so wäre Wissenschaft für jeden verständlich. Zum Teil wahr, dennoch ist dies in meinen Augen zu kurz gedacht. Denn einerseits gibt es zu fast allen Themen gute Bücher auf jedem Verständnisniveau, und andererseits unterschätzt dieser Vorwurf das fundamentale Dilemma der Popularisierung: Je einfacher man einen Sachverhalt ausdrückt, desto mehr gehen die dahinter stehenden Begründungen und Zusammenhänge verloren. Im Extremfall bleiben nur einzelne, unterhaltsame Anekdoten, die man glauben kann oder auch nicht. Der Unterschied zwischen Anekdoten und sorgfältigem, methodisch-kritischem Begründen wird verwischt, und statt das Verstehen zu fördern, stiehlt eine übertriebene Popularisierung dem Laien die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Klingen diese Sätze wie die Ausrede von Elfenbeinturm-Wissenschaftlern, die sich vor den Mühen der Popularisierung drücken wollen? Oder wie eine elitäre Kampfansage gegen die „Verdummung“ der Bevölkerung durch populäre Sachbücher? Nichts läge mir ferner: Im Gegenteil halte ich das Bemühen, wissenschaftliche Erkenntnis in angemessener Weise der Allgemeinheit zugänglich zu machen, für eine wichtige Pflicht jedes Forschers. Doch als Leser zu erwarten, dass jeder Sachtext einfach und ohne eigene Anstrengungen lesbar ist, oder dass Wissenschaft stets Spaß machen muss, ist ein unrealistischer Anspruch. Dass viele Themen Mühe erfordern, ist nicht die Schuld der Wissenschaftler, sondern eine Folge der Tatsache, dass die Welt einfach oft kompliziert ist. Dennoch — oder gerade darum — kann man jeden Nichtwissenschaftler nur ermuntern, Sachtexte nicht mühelos wie Unterhaltungsliteratur lesen zu wollen, sondern die schwierigen Stellen als eine Herausforderung anzusehen, sich Erkenntnisse zu erarbeiten.

Was verbindet nun die Mumien in Ägypten und in Peru? Wenig: Nicht nur die Mumifizierungstechnik selbst, sondern auch die dahinter stehenden Glaubensvorstellungen unterscheiden sich in den beiden Kulturen grundlegend. Statt einer mysteriösen Verbindung über Kontinente und Jahrtausende bleiben nur zwei an sich völlig verschiedene Bestattungssitten. Aber halt, was soll das Wörtchen „nur“? Zwar hat das zunächst Mysteriöse durch diesen Blick auf die Details vielleicht seine Rätselhaftigkeit eingebüßt — doch gestiegen ist die Faszination der Beschäftigung mit fremden Kulturen und Zeiten, mit einer Welt unterschiedlichster Lebens- und Denkweisen. Eine Faszination, für die sich die Mühe des detaillierten Nachforschens lohnt.

Eine Version dieses Textes wurde als Editorial in Skeptiker 3/2001, dem Vereinsblatt der GWUP, abgedruckt.

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